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12.XI.2017

#76

Stadtgang II

Wieder Begehung und Begegnung einer Stadt, die mir, je suchender und schauender ich durch die Straßen gehe, umso unbekannter erscheint, wenn nicht gar, als fremd offenbart. An Ecken, unter Bäumen, an geschlossenen Läden und dunklen Haustüren vorbei, steigen mir die Orte wie Erinnerungen an einen fast vergessenen Traum auf. Es könnte aber, so dünkt mir, ebenso eine traumdurchzogene Erinnerung sein. Alles, was uns begegnet, Gegenstände, die uns entgegenstehen, Personen auch, sehen wir aus vielen Zeiten und Sphären heraus, nie aus nur einem abstrakten Hier und Jetzt. Ohne Erinnerung ist kein Denken.

Der Tag ist schon auf dem Wege zum Abend und mit ihm ich durch die labyrinthischen Häuserschluchten, auf die sich ein beständiger Nieselregen wie eine Einleitung zur Nacht legt. Das Wetter wird in seiner Bedeutung zumeist verkannt, wenn auch die allgemeine Gewohnheit über das Wetter zu reden, auf Muster schließen lassen, denen eine alte, tief verwurzelte Verbundenheit zu Grunde liegt. Und es sind gerade auch die Lichtverhältnisse der Tageszeit, welche, im Gegensatz zur festen, gründenden Landschaft, wandelnd den Menschen umfließen und durchströmen. Dieser Aussetzung seines Gemüts, seiner Stimmung, kann er sich nie entziehen, wodurch es auch an einem klar zu bestimmenden Normalzustand mangelt. Es bleibt hier auch nicht bei einfachen Gefühlsregungen, sondern prägt sich dem jeweils Einzelnen auch bis tief in die Seele auf. Dies gilt für alle klimatischen Verhältnisse, so auch die Abstinenz von den natürlichen, indem das Büro und die Wohnung einen neuen Lebensraum schaffen, der aller himmlischen Einflüsse entbehrt.

Abschließend noch Gedanken über eingebettete und störende Technik. Während nämlich warm leuchtende Laternen noch ganz unmittelbar an Öllampen und Fackeln erinnern, ihr Licht eines ist, welches den Dingen Schatten lässt, schneidet das Licht von Leuchtdioden die angestrahlten Dinge aus ihrem Umfeld heraus. Diesen abgetrennten Formen wird zusätzlich noch ihre Leiblichkeit durch totale Verflachung der Form in klar begrenzte Flächen und dem Entzug ihrer Farbe genommen. Die so angestrahlte Welt wird zur Bühne, zur Filmkulisse. Die zurückgedrängte Nacht verliert ihr Bergendes und Hütendes, nicht aber ihre Unheimlichkeit, da das Heimliche ja immer mehr ausgeleuchtet auf Reste absoluter Schwärze zusammenschrumpft, aus denen selbst mechanische Leblosigkeit droht.

11.XI.2017

#75

Stadtgang I

Über zwei Stunden ziellos aber nicht heillos durch die Stadt gegangen. Der Himmel war Neujahrshimmel und atmete Januar, da bin ich ganz sicher. Alles schien ruhig und heiter. Wie ein Gast in einer fremden Stadt ging ich durch die Straßen, begutachtete Häuser, Kleinigkeiten und Menschen. Die Cafés waren wenig beleuchtet, aber alle übervoll, so als gäbe es an allen Orten unbekannte Gründe sich feierlich zusammenzufinden, ein mir entgangener Feiertag vielleicht, so schien es. Schließlich einen Imbiss gefunden. Der wenig versprechende Dönerladen entpuppte sich als ein prolongierter Ort dieser stillen Festlichkeit, wo mich ein äußerst höflicher und vom Wesen »deutsch« wirkender, junger Türke bediente. Ich aß zum ersten Mal ein Lahmacun, serviert mit hauseigenem Brot und frischer Chilisoße und war ganz und gar angetan für dieses, zu einem Spottpreis dargebrachte, Mittagsmahl. Dass mich der Weg daraufhin heimwärts führte, geschah mehr aus einem gezeitenähnlichen Gesetze heraus, als dass es konkrete Absicht war.

24.X.2017

#74

Knochengerüst

Knochengeruest

(Verbleib einer Kuh, Anatomiesaal 2017)

Optisch taktile Erfassung der Anatomie der Erscheinung.
Die Erscheinung befriedigt, wenn sie als naturgemäß im Unbewussten gründet, das heißt, wenn sich ihre Form den Funktionen der Naturgesetze – dem Weltgeist – einordnet.

22.X.2017

#73

Inter-Face

Man stößt auf das Wort Nomophobie und fragt sich: »Nomo für Nomos? Eine Angst vor der (griechisch-antiken) Sittennorm?« Mitnichten, wie das Netz dann aufzuklären weiß. Ein weiterer Beleg dafür, aus jeder Angst (Sorge) eine Krankheit zu machen, bzw. den Menschen und sein Wesen selbst zu verkennen.
M.E. handelt es sich auch nicht um ein pathologisches, sondern um ein philosophisches Problem.

Interessant ist folgender Gedanke, den es wohl weiterzudenken gälte:
Wenn Nomophobie die Angst vor dem Fall aus dem sozialen Gefüge durch den Brückenbruch Mensch-Handtelefongerät-Mensch meint, und der »späte« Heidegger das Dasein als Sorge für das Sein begreift, welches das technischen Gestell durch seine planetarische Beherrschung aufzuheben droht, dann wird deutlich, dass die Menschen beginnen, sich vor dem Verlust dessen zu sorgen, welches ihr eigentliches Sorgen und somit Sein mindert, oder anders: Sie sorgen sich darum, aus der Seinsvergessenheit wieder herauszufallen, sie sorgen sich darum, dass der Nihilismus, zumindest für einen Moment, den Vorhang hebt.

19.IX.2017

#72

Schickung

Dunkelkaltland

(Einstiges Sachsen, 2017)

Das Holz des alten Wasserturmes, Farbe getrockneten Blutes, der Himmel hinter den Wolken Gnade lindernder Kühle. Alle Wege führen heimwärts, Schritte, wie das Fallen reifer Birnen ins Gras. Alles regenbogengekrönt. September.

06.IX.2017

#71

Der Blick

Tuebke

(Tübkes Selbstportrait vor alt. Panorama (Atlantis?), 30 x 40 cm, 2017)

Vor Jahren erhielt ich von meinem Großvater einen Zeitungsausschnitt zu Ehren des Leipziger Meisters. So lernte ich Tübke kennen. Zu diesem Zeitpunkt war er gerade verstorben. Das Selbstportrait, welches dem oberen Bild als Studie diente, malte er 1988 in Leipzig, zu einem Zeitpunkt, an dem ich noch nicht geboren, vor welchem ich aber dieses Jahr in der Tübke-Villa stand.

17.V.2017

#70

Raus

Eik

(Eik, L-Süd-West, 2017)

Wo ein Frühling entlang spazieren wollte, schwang sich der Sommer aufs Rad und fleißig bezahlen die Menschen ihre Gesundheit mit schweißtreibenden Läufen durch das Umland.
Ich male das erste Mal wieder unter freiem Himmel, überhaupt male ich seit einer gefühlten Ewigkeit wieder. Hitze und Erschöpfung beenden die Arbeit am Blatt vorzeitig.

12.V.2017

#69

Vorwärts, immer vorwärts

Never stop

(Do not stop, do not rest, Praha, 2017)

»But we push forward, plunge onward
Always towards the end«
— OTWATM

lacrima, beata lacrima...

10.V.2017

#68

影未来派の

Schattengebilde

(Schatten futuristisch / kage miraiha no, 2017)

»Wir wollen den Krieg verherrlichen — diese einzige Hygiene der Welt -, den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.«
— Manifest des Futurismus, 9. Punkt, Filippo Tommaso Marinetti

An anderer Stelle heißt es: »Unsere Herzen kennen noch keine Müdigkeit, denn Feuer, Haß und Geschwindigkeit nähren sie!« Vielleicht war die Spanne aus erstem und zweitem Weltkrieg eine Form von futuristischem Gesamtkunstwerk. Ein Aufbäumen an Kraft und Geschwindigkeit, ein brutaler Sprung nach vorne. 1945 war kein tabula rasa, aber eine Stunde Null. Die fortschreitende planetarische Umwälzung und der Aufstand der titanischen Maschinenwelt jedoch, könnte zum tabula rasa führen, könnte alle heutigen und zukünftigen Rückgriffe und versuchten Wiederbelebungen, wie Weiterführungen zu etwas Neuem werden lassen, welches im eigentlichen Sinne nichts mit dem gemeinsam hat, was es mal bedeutet hat, weil der Sinn ein gänzlich anderer geworden ist.

Die Geschichte entfaltet sich nach ihrem inneren Gesetz, was sie an Ideen und Personen nach oben und schließlich an den Strand spült, das ereignet sich nicht grundlos, es entwächst dem Gesetz des „Weltgeistes“ der Geschichte vielmehr, alle Fülle an Formen und Möglichkeiten sind nicht Chaos, sondern Reichtum ihrer Natur. Technik, Gedanken, Kunst, Politik, Sitte, das alles formt und bildet sich in verschlungener Wechselwirkung und doch steht es nicht losgelöst im leeren Raum, im physikalischem Vakuum, sondern ist ganz besonders durchströmt von eben jenen Kräften, deren Ursprung wir physikalisch und biochemisch nennen, sich manifestierende Abbilder immaterieller Urkräfte, Gesetze ohne Gesetzestafeln, dem logos.

30.IV.2017

#67

Usura

Usura's Egg

(With usura no egg has any hatchling, 2016)

»Azure hath a canker by usura; cramoisi is unbroidered
Emerald findeth no Memling
Usura slayeth the child in the womb
It stayeth the young man’s courting
It hath brought palsey to bed, lyeth
between the young bride and her bridegroom
CONTRA NATURAM
They have brought whores for Eleusis
Corpses are set to banquet
at behest of usura.«

— CANTO XLV (last part), Ezra Pound

27.IV.2017

#66

Schneidig

disziplin

(Werkstatt, 2017)

Individuumsbegrenzte Selbstherrschaft. Gestaltwerdung durch Zucht.

23.IV.2017

#65

neko tot

(Tote Katze, 2016)

Es gibt Tage, an denen hat die Hoffnung kein Gesicht.
Nachtrag am 27.IV.2017

18.IV.2017

#64

Ens, Zwe, Dre, Hagehbeh

demos

(demos, 2017)

Es ist nicht nur eine ganze Weile her, seitdem ich das letzte Mal zu hause war und meinen Briefkasten gelehrt habe, sondern auch der letzte Eintrag in meinem web-Log ist von auffallend zurückliegendem Datum. Beides soll eine Veränderung erfahren. Was meinen Briefkasten betrifft, wurde die sonstige notorische Leere mit allerlei Papier in unterschiedlicher Farbe und Format vertrieben.
Ich mache das natürlich nicht aus Spaß und nehme den einen Kuvert, auf den es ankommt. Der Rest interessiert mich nicht, vor allem das wiederholte Schreiben der Rundfunkgebühren. Es zieht mich raus, denn wo manche Briefe nur drinnen gelesen werden können, so können andere nur draußen angemessen geöffnet werden. Mein Ziel ist der angrenzende Park, aber da regnet es schon und ich setze mich nicht auf das offene Feld, sondern auf die Lehne der Bank unter einem Baum, schaue einmal umher, denke kurz über mich nach, lasse die groben Wirbel sinken, so gut es eben geht, es geht eher weniger, nehme den Umschlag heraus, öffne ihn mit meinem Opinel-Messer, welches ich von M. zum 28. Geburtstag bekommen habe, schlage die Bögen auf und lese das Ergebnis der Eignungsprüfung:

Rang 1: Besondere künstlerische Eignung.

Ich lese die beiliegenden Zettel und packe den Brief wieder ein. Ich weiß nicht, was mir als Erstes durch den Kopf geht. Sicherlich so etwas wie, dass ich gewusst hätte, es dieses Mal zu schaffen. Aber ein weiterer Gedanke folgt ziemlich schnell: »Lächerlich. Da lassen sie mich zwei Jahre in der Luft hängen und plötzlich gibt es den höchsten Bewertungsrang.«
Ich nehme meinen Apfel, hatte ihn extra dafür eingesteckt, und gehe grimmig und abenteuerlustig von dannen. Ich fühle mich ein bisschen so, wie ein Knappe, der zwar schon einiges erlebt hat, dennoch einen langverfolgten Traum verwirklichen will, aber trotz allem auch schon etwas alt für den Brief ist, den er gerade erhalten hat und der ihn nun eben jenem Traum näher bringt, indem die geschriebenen Sätze mitteilen, dass er zu einem bekannten Ritter geladen ist, wo ihm nach erfolgreichem Dienst von wenigen Jahren der Ritterschlag erteilt werden soll. Dabei denkt dieser Knappe auch daran, dass er gar nicht sicher ist, ob er sich darüber so freut, wie er es mal gehofft hatte zu tun und dass ihm vieles an dem Ritter missfällt, wenn er seine Taten auch sehr zu schätzen weiß. Und so geht der Knappe weiter ausgreifend unter den knospenden Linden, schaut hoch in den Regen, den er genießt, und denkt sich:
»Fast zu alt für sowas, aber eben nur fast.«
Und:
»Das haben sie nun davon. Jetzt halten sie mich nicht mehr auf.«

16.III.2017

#63

Leinwand IV

bildfindung 2

(malerische Kompositionsfindung, 2017)

Dieses Mal nur eine knappe Stunde Zeit, aber ein Stück ging es trotzdem weiter.

09.III.2017

#62

Arbeit an der Leinwand III

bildfindung

(erste Kreide- und Pinselstriche, 2017)

Die Leinwand wurde ein drittes Mal grundiert, nach dem Trocknen geschliffen und von dem drängenden Gefühl endlich loslegen zu wollen erfüllt, nicht noch einmal grundiert, sondern mit ersten Rötelkreide- und Pinselstrichen geweiht.

04.III.2017

#61

Reliable

trump

(red pill, blue pill, 2017)

Here is what I found in the glossar of Caroll's 'Alice in Wonderland'.

03.III.2017

#60

Auf dem Weg zur eigenen Leinwand Teil II

Leinwandgrundierung

(Grundieren der Leinwand, 2017)

Nachdem die Leinwand vorige Woche mit gelöstem Knochenleim bestrichen wurde, nun die kreuzweise aufgetragene Grundierung mit verdünntem Knochenleim, Kreide und weißem Pigment.

22.II.2017

#59

Trauernde mit Mahr

Trauernde mit Mahr

(O.T. (Trauernde mit Mahr) Kaltnadelradierung, Platte 10 x 13,5 cm, 2017)

An der Platte von letzter Woche weitergearbeitet und mit Struktur versehen, welche in der Zeit der ungegenständlich abstrakten Arbeiten (siehe 'Geometrische Lehre') entstanden sind.

16.II.2017

#58

Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Leinwandbau

(Leinwand, 180 x 120 cm, 2017)

Erste selbstgebaute Leinwand Tag Eins:
Materialkauf, Keilrahmen stecken und ausrichten, Leinwand beziehen.
Der Knochenleim wartet schon. Ich auch.

15.II.2017

#57

Trauernde

Trauernde

(O.T. (Zwischenstand Trauernde), Kaltnadelradierung, 2017)

09.II.2017

#56

HGB-Rundgang

Lichtschalter

(Lichthof und Lichtschalter, 2017)

07.II.2017

#55

Vertiefung in Strukturen

Struktur 1
Struktur 2
Struktur 3
Struktur 4

(O.T. (Zwischenstand von Strukturen), Fineliner, 2017)

05.II.2017

#54

Keine Saubermänner

Keine Saubermaenner

(O.T. (Abendakademie), 2017)

02.II.2017

#53

Die Welt im Bild, das Bild als Welt II

See

(O.T. (See, Tinte und Buntstift), 2016)

Eine weitere kleine Arbeit aus meinem Skizzenbuch vom Ende des letzten Jahres. Auch hier ging es mir um die Übung in Bildern zu denken, somit keine Bildreferenzen verwendet.

31.I.2017

#52

Die Welt im Bild, das Bild als Welt

Bauer

(O.T. (Bauer, Tinte und Buntstift), 2016)

Kleine Kompositionsstudie, inspiriert von Holbein und anderen Holzschnitten aus dieser Zeit. Sehr interessant, wie die Dinge bei dieser Art der Darstellung ihren Ort zu finden scheinen und das Herz beruhigen.

28.I.2017

#51

Anatomiestudie

O.T. Anatomiestudie

(O.T. (Anatomiestudie, Kohle), 2017)

Still some contradictions and distorted parts in the anatomy.
But this year I will get serious.
Mark my words.

28.I.2017

#50

Achse Niinivaara-Reudnitz-Ponsonby

Ardent Love Devours Illusions

((Post-)Neo-romanticism, 2017)

Ardent love devours illusions.
Ardent love rejects illusions.
Chasing, always chasing this one moment, when ordinary things become translucent and for a hasty glance you feel you have everything.

27.I.2017

#49

Digital Modelling

StrawyCrisBo

(CB-Straw, 2017)

FuryCrisBo

(CB-Fur, 2017)

FibreCrisBo

(CB-Fibre, 2017)

Trying out the current Blender 3D creation suit.
Depending on the content I may upload 'Perceptual' saved GIFs from now on. Some images just don't work in 'Restrictive' web mode.

26.I.2017

#48

Es wächst zusammen, was zusammen gehört

TheseAntitheseSynthese

(These-Antithese-Synthese, 2017)

You go out for a walk and suddenly you think about Hegel and Brandt, which is a strange coincidence indeed.

18.I.2017

#47

Atelier im Januar

Atelier im Januar 2017

(O.T. (Atelier with Marker), 2017)

17.I.2017

#46

Quecksätze, 001

Quecksatz Nummer 001

(Quecksatz 001, 2017)

Ich werde nach und nach eigene Quecksätze, meine Wortschöpfung für Aphorismen, als grafische Bilddatei in meinen weblog (hin)eintragen.

10.I.2017

#45

2017: And the journey goes on

Trumpets in Space

(O.T. (Trumpets in Space), 2017)

HAL 9000 won't redeem us.